Der Zahn der Zeit nagt. Schmerzlich sehen und spüren wir es, Tag für Tag. Meine Kollegin, die Wollmilchsau mit Biss, andere geplagte Vertreterinnen unserer Zielgruppe und ich.

Und so diskutieren wir missgelaunt über die Anzeichen der Hautalterung, Beauty-Nutrition und die Auswüchse des „Geronto-Marketing“ im Netz und offline. Hier ist eine kleine Kostprobe für Sie.

Für Marketing- und Demografieexperten sind wir ein gefundenes Fressen. Unsere Kinder sind aus dem Haus, wodurch zweifelsfrei Ressourcen frei geworden sind, zeitlich und monetär gesehen.

Wunderbar, denken sich die Marketingmenschen und lauern in den Startlöchern.

Doch das ist nicht das Schlimmste.

Grausam ist es, wie sie uns bezeichnen und wie sie uns in der Werbung ansprechen. Es zeugt von
Hilflosigkeit und oftmals auch von Überheblichkeit, was uns zornig macht und jeden Kaufimpuls im
Keim erstickt.

Man mag es ihnen nachsehen, denn sie sind ja oftmals erheblich jünger und die bedrohliche „40“ ist in weiter Ferne.

So ganz gelingt es uns jedoch trotzdem nicht, verbale Garstigkeiten und visuelle Fettnäpfchen mit Anzeigen glücklicher
grauhaariger Paare am sonnigen Strand einfach wegzuatmen wie hier im Beispielbild: Es ist im Netz unter einer Creative Commons Lizenz und dem Tagging: „Strand Laufen Alte Paar Men“ verfügbar. Echt krass, wie alt die sind, nicht wahr? Man ist regelrecht versucht, schnellstens zwei chice Rollatoren für die geplagten Strandläufer anzuliefern.

Zurück zu den Schubladen, in die sie uns pferchen: Die „Empty Nest“ – Lebensphase, das geht ja gerade noch. Wobei sie implementiert, dass wir nach dem aktiven Nestflüchten des vormaligen Nesthockers in eine Phase tiefster Traurigkeit verfallen und inhaltsleer ein Dasein ohne Perspektiven und Lebensqualität fristen.

Aber vielleicht stimmt das so ja gar nicht mit der vorzeitigen Nestflüchterei? Vielleicht haben wir, erlebnishungrig und genervt von der jahrelangen ausschweifenden Bewirtung eines fullservice-24h-cateringverwöhnten Mittzwanzigers denselben hexengleich keifend aus dem gemachten Nest vertrieben, um endlich wieder unbeobachtet den vielen Lastern unseres eigenen Lotterlebens frönen zu können?

Von uns gibt es viele und das macht uns ja so attraktiv, zumindest was unsere Kaufkraft betrifft.
Aber wir haben viele Facetten.

Klar existiert auch das Modell „häuslich, beständig, gebunden und auf Absicherung der Zukunft bedacht“.

Abartig ist nur, dass sie dann gleich noch einen viel grässlicheren Namen für uns haben, wenn wir das offen zum Ausdruck bringen. Zum „Best Ager“ degradieren sie uns, mit etwas mehr Pech auch zum „Silver Surfer“, trotz des riesigen Angebots an grauabdeckenden Haarfarben.

Und sie meinen es noch nicht einmal böse in ihrer jugendlichen Naivität, die sich in unser Seelenleben nicht ansatzweise hineindenken kann und uns elektrische Heizdecken sowie Handys mit extra großen Tasten schmackhaft machen will, die wir aber mindestens für die nächsten dreißig Jahre noch verschmähen werden. Und zwar jetzt erst recht!

Steinalt sind wir für sie – spätestens ab Anfang 40. Abgewirtschaftet und ausgedient, ein trauriges Dasein fristend zwischen unserem Bürojob kurz vor der Abschiebung in die Altersteilzeit und gut bestückten Regalreihen im Drogeriemarkt, deren grelles Neonlicht den Kaufwunsch nach Anti-Falten-Cremes gezielt verstärkt.

Vielleicht sind wir aber auch selbst schuld. Unser wahres Ich haben wir zumindest dem eigenen Nestbewohner nie gezeigt, so dass er seine diesbezüglichen Erfahrungswerte gewinnbringend im ersten Job nach dem Studium seinen fassungslosen Marketingkollegen hätte präsentieren können.

Und so bleibt es ihm und den anderen weitgehend verborgen, wie wir auf der Suche nach dem virtuellen Kick das Netz durchforsten, beispielsweise auf verheißungsvoll designten Datingseiten bis hin zu Tinder und Badoo, auf der Jagd nach Abenteuern oder neuem, noch gut erhaltenem Langzeitglück mit appetitanregendem Spaßfaktor.

Richtig stressig wird es allerdings erst dann, wenn das Objekt unserer Begierde angebissen hat und selbst bei Hinzurechnen von 5 – 10 weggemogelten Jahren noch signifikant jünger zu sein droht als wir.

Spätestens jetzt wird die Anonymität des Internets zu unserem guten Freund, der vermeintlich einen schützenden Mantel des virtuellen Schweigens über unsere Sucheingaben breitet.
Dazu passend habe ich ein herrliches Fundstück aus dem Netz gefischt, das gleich als zweites Suchergebnis nach der Eingabe von „Arschgeweih mit Camouflage abdecken“ erschien.

https://www.beautyjunkies.de/forum/threads/88480-Gibt-es-Schminke-die-en-Tattoo-abdeckt
Den Begriff „Arschgeweih“ habe ich gezielt gewählt, weil ich dadurch sicherstellen kann, dass die Suchanfrage nicht von einer heute Zwanzigjährigen gestellt wurde, weil diese Zielgruppe das hier beschriebene Problem aufgrund modischer Charakteristika schlicht und einfach nicht hat. (falls Sie nicht den gesamten Thread lesen möchten, mit Strg+F das Suchfeld aufrufen und „Arschgeweih“ eintippen).

Der hier verlinkte Diskussionsverlauf ist von 2009 / 2010. Ich denke, wenn wir der Verfasserin des entsprechenden Kommentars bis heute 8-9 Jahre an Lebenszeit hinzurechnen und die zunehmende Internetaffinität der Zielgruppe berücksichtigen, kommen wir allmählich auf des Pudels Kern.

Der Kern des Pudels ist genaugenommen ein riesiger, fetter, kalorienreicher Kuchen. Alle, die sein Potenzial erkannt haben, stürzen sich auf ihn und machen sich die besten Stücke mit Hilfe ausgeklügelter Suchmaschinenoptimierungsmaßnahmen, einem immensen Anzeigenbudget bei Google & Co und anderen Online-Marketingstrategien streitig.

Das Nachsehen hat oftmals unsere gut ausgebildete Kosmetikerin. Die Fachfrau, die zusätzlich zum Produktverkauf mit wichtigen Profitipps aufwarten könnte, um die dauerhafte Abdeckung des Arschgeweihs zu gewährleisten, geht leer aus. In den Suchergebnissen rankt ihre Seite nicht auf den ersten Plätzen, geschweige denn auf den ersten Seiten. Ihre Erfahrungswerte sind nicht mehr so oft gefragt, im Gegensatz zu den Kommentaren anderer Nutzer aus dem Netz, die zu 71 % den größten Anteil an Kaufentscheidungen haben.

Quelle: https://www.pressebox.de/inaktiv/bazaarvoice-ltd/71-Prozent-der-Deutschen-vertrauen-Kundenbewertungen-mehr-als-Influencern/boxid/916730

Hinzu kommen die klassischen Influencer, deren Vertrauenswürdigkeit zwar aufgrund ihrer materiellen Ausrichtung immer weiter abnimmt, die aber sogar in der Zielgruppe 40 – 49 Jahre noch zu 5% zu den Kaufentscheidungen beitragen.
Quelle:

https://www.horizont.net/marketing/nachrichten/Studie-Influencer-Marketing-wirkt-nicht-nur-bei-Teenies-160324
Nicht zu vernachlässigen sind in diesem Zusammenhang natürlich auch die mittlerweile unzähligen Blogger, die sich, von der Industrie gesponsert, ebenfalls vorzüglich an unserem Kuchen laben.

Ein weiteres Fundstück, das uns ein sehr umfassendes Blogger-Verzeichnis präsentiert, möchte ich hier verlinken:
https://www.pureglam.tv/2016/04/18/beliebteste-und-beste-ue30-und-ue40-blogs-top-10-blogger/

Die Verfasserin des Artikels bezeichnet hier die Blogger für die Ü30 und die Ü40 Zielgruppe explizit schon als „Blogger für die ältere Generation“. Wahnsinn, oder? Das ist kein süßes kleines Fettnäpfchen mehr, sondern ein Fauxpas in der Dimension eines übel triefendes Riesenfettfasses mit ranzigem Hammelfett.

Nach der Recherche für meinen heutigen Artikel bin ich jetzt erst einmal bedient. Meine nächsten Schritte werden mich in mein mit gnadenlos indiskretem LED-Licht ausgeleuchtetes Badezimmer führen, in dem ich mich zur Kompensation der Dreistigkeiten aus dem Netz einer reichhaltigen Pflegemaske hingeben werde.

Und unsere Kosmetikerin? Optimal ausgebildet, mit hochwirksamen Gegenmitteln gegen den beklagten Zahn der Zeit ausgestattet und mit Herz und Leidenschaft bei der Sache, verdient sie den besten Platz an unserem virtuellen Kuchenbuffet. Unterstützen wir sie dabei, mit Hilfe moderner Kommunikations- und Positionierungsstrategien diesen Platz wieder für sich einzunehmen und kompetent zu vertreten.